Schießen hilft bei der Persönlichkeitsentwicklung

VOGELSBERGKREIS - Hält man ein Luftgewehr oder eine Luftpistole in Richtung Zielscheibe, stellt man als Anfänger sofort fest, wie schwer es ist, die Sportwaffe überhaupt ruhig zu halten. Der Zielpunkt ist weit entfernt und sieht entsprechend klein aus. Im Verhältnis dazu wirken die eigenen Handbewegungen sehr groß. Um die Zielscheibe genau in der Mitte zu treffen - und das gleich 40 Mal - braucht man viel Ruhe, Selbstbeherrschung, Konzentration und Übung. Die Mitte der Zielscheibe zu treffen, fällt nicht vom Himmel - und genau darin liegt der Reiz.

Aus diesem Grund ist der Schießsport nicht nur für Erwachsene besonders geeignet, sondern gerade auch für Jugendliche. Gerade auch in einer Zeit, in der Jugendlichen nachgesagt wird, sich immer weniger konzentrieren zu können. Im Vogelsbergkreis gibt es eine ganze Reihe von Schützenvereinen, die eine intensive Nachwuchsarbeit betreiben. Viele Schützen dieser Jugendabteilungen feiern Erfolge bei Wettkämpfen.

Ab zwölf Jahren darf man Schießsport mit Luftgewehr oder Luftpistole betreiben, mit entsprechender Sondergenehmigung schon mit zehn Jahren. Jüngere Kinder können seit einigen Jahren mit Lichtgewehren schießen. Diese unterscheiden sich äußerlich kaum von "echten" Sportgewehren. Treffer werden elektronisch angezeigt, wie das heute auch beim Luftgewehr immer mehr zum Standard wird. Die jüngsten Lichtgewehrschützen im Schützengau Fulda-Rhön sind sechs Jahre alt. Für sie gibt es mit den Nachwuchs-Cups sogar Wettkämpfe.

"Schießen hilft bei der gesamten Persönlichkeitsentwicklung", erklärt Gauschützenmeister Berthold Stock. Das helfe im Berufsleben oder im Schulalltag. Der Sport schule Konzentration und Koordination, Körperbeherrschung und nervliche Selbstbeherrschung. Man könne sogar lernen, seinen Pulsschlag herunterzufahren. Ein Schütze müsse seinen Körper sehr gut kennen, um Ruhe- und Unruhemomente klar erkennen zu können. Mit Erfolgen wie mit Misserfolgen müsse man umgehen lernen. Neben dem Sport selbst sei die Gemeinschaft wichtig. Es gehe um persönliche Begegnungen anstelle von Smartphones. "So kommen die Jugendlichen weg von den Wischkästen", so Stock.

Die meisten jungen Schützen schießen Luftgewehr, bei der Luftpistole sind es weniger. Das hängt laut Stock oft von der Infrastruktur der Vereine ab. Im Schützenkreis Lauterbach gibt es acht Luftgewehr- und zwei Luftpistolen-Klassen.

Wenn die Nachwuchsschützen in die Ausbildung, ins Studium oder in den Beruf gehen, dann gehen sie ihren Vereinen meist verloren. Deshalb müssen Vereine möglichst viele Jugendliche finden. Nach Stocks Worten reicht ein Schütze pro Geburtsjahrgang, der bleibt, um die Mannschaften langfristig zu erhalten. Dass ein Erwachsener den Sport für sich entdeckt, sei eine Ausnahme.

Gau und Kreise existieren noch bis zum 31. Juli. Dann werden die Kreise zu Bezirken zusammengelegt. Die Gaue entfallen und mit ihnen auch eine Wettkampfebene. Meisterschaften für die Jugend, Jahrgangsschießen, Shooty-Cup, Nachwuchs-Cup und Kreisauswahlschießen hatte der Gau im Programm. Entsprechendes spielte sich auch im Kreis ab. Während erwachsene Schützen oft Terminprobleme haben, sind die Wettkämpfe nach Berthold Stocks Einschätzung für Jugendliche sehr wichtig: "Die wollen nicht nur trainieren." Genügend Wettbewerbe seien eine Motivation und sicherten die Kontinuität des Trainings.

Er schlägt vor, kreative Wettbewerbe für den Jugendbereich zu schaffen, um die Lücken zu füllen. Der Kreis habe für das Sommerloch einen Wettbewerb eingeführt. "Das hat den Kreis sehr vorangebracht", so Stock. Sechs der sieben Teams bei der Gaumeisterschaft der Schüler seien aus dem Kreis Lauterbach gekommen.

Der SV Rebgeshain setzt bei der Nachwuchsarbeit stark auf Lichtgewehre. Ein Großteil des Trainings und der Wettkämpfe wird von Vorsitzendem Henrik Ziegenhain und seinem Stellvertreter Hans Ehler durchgeführt. Die knapp 30 Kinder und Jugendlichen im Verein machen mehr als ein Viertel der Mitglieder aus. Der SVR hatte in der jüngsten Wettkampfrunde eine Schülermannschaft, die Lichtgewehr-Schützen nahmen am Nachwuchs-Cup im Schützenkreis Alsfeld teil.

Viele der Lichtgewehr-Schützen wurden über ein Schnupperschießen bei den Ulrichsteiner Ferienspielen auf den SVR aufmerksam. Durch Mundpropaganda kamen weitere Kinder dazu. "Die Kids sprechen natürlich in der Schule auch über ihre Freizeitaktivitäten und motivieren so ihre Freunde, auch mal ins Training mitzugehen", so Ziegenhain.

Lichtgewehr-Schütze Maximilian Fritz sagt: "Ich wollte das Gewehr-Schießen mal ausprobieren, da mein Freund Lennart immerzu davon erzählt. Das Training und die Wettkämpfe machen sehr viel Spaß." Ähnlich äußert sich Leonard Dampf: "Ich habe erst Bogen geschossen. Das fand ich nicht so toll und bin so zum Gewehr gekommen. Mein Kumpel Marlon schießt ja auch hier. Das Schießen gefällt mir sehr gut, ich komme immer gerne ins Training."

Vergangenen Herbst wechselten einige der Jüngsten vom Licht- zum Luftgewehr, darunter Noah Günther und Maximilian Wecker. Maximilian: "Luftgewehr macht mir mehr Spaß. Die Herausforderung durch das freihändige Schießen ist größer. Das Luftgewehr macht 'Peng', das Lichtgewehr knackt leicht." Auch Noah bevorzugt das Luftgewehr. Die Wettkämpfe seien mehr, die Konkurrenz sei größer, das Leistungsniveau höher. "Er ist einer unserer besten Nachwuchsschützen und misst sich gerne immer mit den anderen Kindern", erläutert Ziegenhain. "Für ihn ist das ein unheimlich großer Ansporn, immer besser zu werden."

Den Wegfall der Gauebene sieht Ziegenhain nicht als Problem. Zwar entfielen mehrere Wettkämpfe. Doch die Kinder schössen in der Regel sowieso Rundenwettkämpfe. Die älteren Jugendlichen hätten teilweise Doppelbelastungen durch Einsätze in der regulären Wettkampfrunde. "Durch den Wegfall der Gauebene wird die Qualifikation für die Landesebene etwas stressfreier, und wir Betreuer müssen weniger fahren", so Ziegenhain. Der Werngeser Schützenvereins-Vorsitzende Thomas Bernges und der Feldkrückener Jugendtrainer Timo Kaiser sehen das anders. Beide bezeichnen die Gauebene als wichtige Motivation.

"Durch die Gaumeisterschaft konnten Schützen ohne Spitzenleistungen ein gewisses Level erreichen", sagt Thomas Bernges. Nach Meinung Timo Kaisers war die Gaumeisterschaft mit wichtigen Erfolgen für jugendliche Schützen verbunden. Um bei der Hessenmeisterschaft mitzuschießen, sei der SV Feldkrücken schlichtweg zu klein, so der Jugendtrainer.

Auch in Feldkrücken ist die Anschaffung von Lichtgewehren geplant. Zudem sollen elektronische Anlagen für den Schießstand angeschafft werden, um den Sport für die jungen Schützen ebenso wie für die Zuschauer spannender zu machen. "Mit Spaß und Geselligkeit zum Erfolg", lautet nach Timo Kaisers Worten das Motto des Vereins und auch seiner Jugendarbeit. "Es hat noch nie ein Training gegeben, bei dem nicht gelacht wurde", erläutert er. "Wir wollen erfolgreich sein, verbinden das aber eben mit Spaß und Geselligkeit."

An den Jugendlichen in Feldkrücken seien positive Wirkungen des Schießsportes deutlich zu sehen. Manch einer habe anfangs Konzentrationsschwierigkeiten am Schießstand gehabt - und binnen eines halben Jahres eine Konzentrationsspanne von einer Stunde erlangt.

Um den persönlichen Begegnungen genügend Raum zu geben, gibt es bei jedem Jugendtraining ein Abendessen - dank der Eltern, die abwechselnd kochen. Dabei wird laut Kaiser darauf geachtet, dass das Essen gesund ist. Auch Gastmannschaften kommen in diesen Genuss. Zum Fördern der persönlichen Gespräche herrscht in der Jugendabteilung ein Verbot von Mobiltelefonen. Bei der Organisation von Festlichkeiten werden die Jugendlichen eingebunden. "Zugehörigkeit hängt bei uns nicht von den Wettkämpfen ab", so Kaiser.

Für Timo Kaiser ist es eine Bereicherung, die Entwicklung Jugendlicher zu jungen Erwachsenen zu sehen. "Die jungen Leute halten mich jung. Es bereichert mein Leben und meine Freizeit", erklärt er. "Ich bin auch ein Stück weit stolz darauf, was wir hier aufgebaut haben." Vor sechs bis sieben Jahren habe es beim SV Feldkrücken noch keine Jugendarbeit gegeben.

Danach gefragt, was denn am Schießsport so faszinierend sei, nennen mehrere der Feldkrückener Jugendlichen die Konzentration, die man dafür braucht. "Wenn man mal 80 Schuss gemacht hat, weiß man, was Willensstärke ist", meint Nico Frank. Die jungen Schützen schätzen neben dem Sport auch die Möglichkeit, auf Gleichaltrige - nicht nur innerhalb des eigenen Vereins - zu treffen. Ein gutes und lockeres Verhältnis haben sie zu ihrem Trainer Timo Kaiser, der von fast allen scherzhaft "Bonsai" genannt wird.

Quelle: Lauterbacher Anzeiger – 06.04.2017 
Autor: Martin G. Günkel